Ausstellung |   nä|her|ste|hen|de   | Nanja Heid und Stefanie Supplieth

| 27.02. - 27.03.2022 |


Öffnungszeiten: Di., Sa. und So. von 15 - 18 Uhr


Nanja Heid

Nanja Heid ist freischaffende Künstlerin. Ihr Schwerpunkt liegt im Bereich Bild und Objekt. Sie zeichnet mit Stift und Nähmaschine auf Stoff und Papier, daraus entstehen Bilder oder raumgreifende Installationen. Eine weitere Ausdrucksform sind hohle, zerbrechliche Objekte aus Ton mit eingearbeitete­n Textilien. In ihren Arbeiten ist der Künstlerin wichtig, mit dem Material so zu arbeiten, dass seine Struktur und Beschaffenheit im Bild oder Objekt mit eingebunden sind und zwar nicht nur als Untergrund, sondern als Bestandteil dessen. Während die Arbeit an den Objekten langwierig ist und zeitweise Jahre vor sich hin gärt, bis die Idee reif geworden ist und umgesetzt werden möchte, sind die Nähmaschinenzeichnungen Bestandteil ihres täglichen Lebens.

Nanja Heid beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit Elementen und Naturerscheinungen, die uns Menschen umgeben oder unabhängig von Nation, Glaube, Bildung, Kultur, Alter und Geschlecht miteinander verbinden. Hierbei ist für sie das Ausloten zwischen Innen und Außen ein zentrales Element. Doch wie genau verhält sich das Zusammenspiel von Innen und Außen? Wie spiegeln und beeinflussen sie sich physisch und räumlich gegenseitig? Sinnbildlich stehen hierfür die Nähte in ihren Arbeiten. Eine Naht berührt nicht nur die Oberfläche, wie die Linie einer Zeichnung, sondern dringt in die Tiefe, durchstößt die Fläche und umschließt sie. Somit entstehen zur gleichen Zeit immer zwei Ansichten: das Vorne und das Hinten, das Eine und das Andere, das Innen und das Außen; die Polaritäten, die unweigerlich miteinander verbunden sind, da nur das Eine durch das Andere in Erscheinung treten kann.

 

In ihren Arbeiten setzt sich die Künstlerin mit der fortwährenden Veränderung auseinander. Die Einmaligkeit des Augenblicks fasziniert sie ebenso wie der ewige Kreislauf zwischen Entstehen und Vergehen. Das Leben ist nie etwas Starres, sondern ist immer eine permanente Bewegung zwischen zwei Polen. Die Arbeitsweise von Nanja Heid lässt sich am besten als multisensorisch inspirierte Transformation beschreiben. Ausdruck findet dies beispielsweise darin, dass sie das aufzeichnet, was sie hört, fühlt oder wahrnimmt, häufig mit geschlossenen Augen oder ohne auf das Papier zu schauen. Folglich haben die daraus entstehenden Zeichnungen immer etwas Überraschendes, Unvorhersehbares und beschreiben die Einzigartigkeit und die Varianz in jedem Moment. Dies findet Ausdruck in der Visualisierung der Herzschläge, des Atems ebenso in der Auseinandersetzung mit Menschengruppen und in den Portraits.

Stefanie Supplieth

GROSSE FÜSSE HABEN SIE, die Figuren auf ihren Sockeln, die zahlreich an der Wand im Atelier von Stefanie Supplieth hängen.

 

Der Mann mit den roten Schwimmflügeln in seiner weißen Badehose zum Beispiel. Er sinniert womöglich über seinen bevorstehenden, wenig beherzten Sprung ins Wasser. Ganz wohl scheint ihm bei dem Gedanken nicht zu sein. Ganz anders die dreiköpfige Familie. Vater, Mutter, Sohn. Auch mit Schwimmflügeln, alle in Badekleidung. Sie bilden eine Einheit, eine Familie eben, den Blick vom Beckenrand fest geradeaus gerichtet.

 

Den eigenen Assoziationen freien Lauf zu lassen, das fällt leicht beim Betrachten dieser figürlichen Arbeiten. Es ist von einer Art sehr individueller, fast stolzer Intimität, die diese wundersamen Zeitgenossen auf ihren Sockeln, die ihnen Halt zu verleihen scheinen, ausstrahlen. Und wir dürfen ihnen dabei zuschauen, wie sie mit sich hadern oder mal mehr, mal weniger zuversichtlich in den Raum, ja, in die Zeit schauen. Die unbekleidete „Denkerin“ jedenfalls, wie sie da sitzt im halben Schneidersitz, scheint sich keineswegs schlüssig zu sein, was sein wird. Und dennoch verkündet ihr Gesichtsausdruck einen gewissen Optimismus. Es wird schon.
Solche Momentaufnahmen kommen nicht von ungefähr. Und dass sie weniger eine Reflexion von bisher Geschehenem sind, sondern vielmehr einen Blick nach vorn, in die nahe Zukunft anbieten, auch nicht. Es sind keine flüchtigen Momente, die Stefanie Supplieth mit ihren Sockelfiguren schafft, es sind Augenblicke des Innehaltens. Gedanken an Momente des Wartens, des Lächelns, des großen Ernstes, des Schauens.

 

 

Wenn man Stefanie Supplieths weiß getünchtes Atelier im Bremer Steintor betritt, dass sie mit drei weiteren Künstlern und einer Auszubildenden teilt, dann fällt sofort auf, dass hier das Herstellen von neuen Arbeiten und das Ausstellen bereits vorhandener eine Einheit bilden. Die großen Arbeiten, keramische Stelen und Bronzen, finden hier zwar leider nicht genug Platz. Aber die vielen anderen Figuren, oft auf ihren Sockeln, schon. Das Atelier jedenfalls ist offen für Besucher, hier findet Kunst nicht hinter verschlossenen Türen statt. Es wird gleichzeitig gearbeitet und gezeigt. (Ausschnitt aus dem Text von Jürgen Franke)