Bildvortrag | Tom Leiermann | Kulturerbe in Jemen

Gegenwart und Zukunft einer ganz eigenen Welt | 23.01.2019 | 20:00 Uhr


Die Nachrichten malen ein düsteres Bild: Jemen, das ist ein Land, aus dem seit Jahren eines zähen Konfliktes nur furchtbare Nachrichten dringen. Das stimmt auch und ist doch nicht die ganze Wahrheit, denn hier leben auch wundervolle Menschen, hier gibt es atemberaubende Landschaften und einzigartige Altstädte. Bisher ist wenig von ihnen zerstört, und es gibt Engagierte, die sich auch in schwierigen Zeiten um ihre Rettung bemühen. Davon soll hier hauptsächlich die Rede sein.

Dabei geht es in erster Linie um die drei Städte des Landes, die als Weltkulturerbe ausgezeichnet sind und jede auf ihre Seite die erstaunliche Vielfalt des Landes verkörpern: Sana´a, die Hauptstadt in den Bergen mit ihren malerisch bemalten, steinernen Turmhäusern; Zabid, die tropische Küstenstadt und einstige Residenz einer mittelalterlichen Blütezeit mit allein 85 historischen Häusern und Shibam, die Stadt der Lehmhochhäuser – das „Manhattan in der Wüste“.

Der Architekt und Autor Tom Leiermann hat in allen drei Städten gelebt und gearbeitet und führt derzeit als Berater Rekonstruktionsprojekte in Zabid und Shibam durch. Mithilfe von vielfältigem Bildmaterial auch aus den letzten Jahren wird über die aktuelle Situation vor Ort an beiden Seiten der derzeitigen Teilungslinie des Landes berichtet.

Vor allem wird aber auch eine Lebenswelt vorgestellt, die in den Altstädten im Jemen besonders verdichtet und noch immer vielfach intakt ist. Ein traditionell vererbtes Handwerkerwissen ist hier noch lebendig, aber zunehmend in Gefahr, verdrängt zu werden. Da geht es um Lehmbau, aber auch geschnitzte Holzarbeiten und kunstvolle Ornamente. Wertvolle Bauwerke aus dem Mittelalter sind erst in den letzten Jahren aus dem Vergessen gerissen und erfolgreich wiederhergestellt wurden. Manche Bauweisen sind noch älter und bilden eine Verbindung zu den altorientalischen Hochkulturen. Aber der Jemen kannte auch Weltoffenheit und Austausch: afrikanische und indische Einflüsse haben ebenfalls in der historischen Architektur ihre Spuren hinterlassen, später kamen koloniale türkische und britische Akzente dazu.

Der Vortrag lässt auf eindrückliche Weise die besondere Atmosphäre Südarabiens lebendig werden, spart aber die heutigen Krisen und Herausforderungen nicht aus. Wie in vielen vergleichbaren Entwicklungsländern ist das Land mit seinem Potential und seiner Schönheit mit einem enormen Veränderungsdruck konfrontiert, der vor allem durch eine gnadenlose Kommerzialisierung und Globalisierung geprägt ist, die auch das Gesicht der Städte bestimmt. Billige Produkte des Weltmarktes, ein konsumorientierter Mittelstand, die Übernahme von Wohlstandsmodellen etwa von den Golfstaatenmetropolen und ein starkes Bevölkerungswachstum verdrängen das lokale Handwerk und die sozialen Strukturen. Bemühungen um die eigene Identität und verträgliche Lösungen haben es in einem solchen Umfeld schwer; der Tourismus und die internationale Unterstützung sind infolge des Krieges der letzten Jahre weggebrochen.

Noch sind Zerstörungen an der historischen Substanz sehr viel geringer als in Syrien und im Nordirak. Doch der Krieg hat ein ohnehin geschwächtes Land mit großem Aufholbedarf getroffen und vorhandene Defizite weiter vertieft. In unserem Vortrag mit Diskussion wollen wir anregen, Informationen geben, inspirieren, aber auch zu den akuten Bedrohungen und Problemen Stellung nehmen und Einsichten und Verständnis gewinnen.

Der Autor

 

2003 geht Tom Leiermann in den Jemen, um dort beim Erhalt der einzigartigen Lehmstadt Shibam und anderen Altstädten mitzuwirken. Seine Erfahrungen mit der fremden Kultur, seine Erkenntnisse bei der Erforschung der historischen Architektur des Landes und die Auseinandersetzung mit den west-östlichen Kulturkonflikten der Zeit wurden Themen, mit denen er sich auch literarisch beschäftigte. 2009 erschien der reich illustrierte Band Shibam, Leben in Lehmtürmen. 2017 erschien das Buch Der zerbrochene Diwan über den west-östlichen Kulturkonflikt in unserer spannungsgeladenen Zeit.